Alexander Kogan

אלכסנדר קוגן Александр Коган

22.09.1951  ·  04.05.2026

Mein Vater. Sechs Kinder, fünf Sprachen, zwei Kriege, ein Leben in vier Ländern.

Geschrieben von seinem Sohn David Kogan

Letztes Profilbild von Alexander Kogan
Sein Leben

Lebenslauf

1951

Geboren in Wolkowisk

Alexander kam am 22. September 1951 in Wolkowisk zur Welt, einem Dorf in Belarus zwischen Grodno und Bialystok, den Geburtsorten seiner Eltern. Damals Sowjetunion, vor dem Krieg gehörte das Gebiet zu Polen.

Er war der jüngste von drei Brüdern. Zeev und Nachum, seine älteren Brüder, leben heute noch. Zeev ist zehn Jahre älter als Alex, Nachum fünf.

Den Namen Kogan trug die Familie nicht von Geburt an. Während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Alex' Vater verhaftet, weil er einen halben Sack Mehl gestohlen hatte. Aus dem Gefängnis konnte er fliehen. Er nahm die Papiere eines Toten an sich. Der Tote trug den Nachnamen Kogan.

Später fälschte er die Papiere seiner Frau Rachel, einer Russin. Russische Juden durften damals nicht ausreisen, polnische schon. Auf dem Papier wurde Rachel Polin. So konnte die Familie zusammen ausreisen.

1957

Polen, Genua, Israel

1957 ermöglichten die Behörden eine Rückwanderung von polnischen Juden aus der UdSSR zurück nach Polen. Die Familie zog von Belarus nach Polen. Drei Monate später ging es über Genua mit dem Schiff weiter nach Israel.

In Israel wurde die Familie zunächst in die landwirtschaftliche Siedlung Zahal geschickt, heute Liman. Ein Jahr später bekam Alex' Mutter eine Stelle als Krankenschwester in Akko. Die Familie zog nach Naharia, dort besuchte Alex acht Jahre lang die Grundschule.

1965

Schule und Armee

Von 1965 bis 1969 besuchte Alex das landwirtschaftliche Gymnasium Kfar Hayarok, „das grüne Dorf", in der Nähe von Tel Aviv. 1969 machte er Abitur.

Im September 1969 wurde er zur Armee einberufen. Drei Jahre lang diente er als Kriegssanitäter in einer Pioniereinheit.

1973

Krieg am ersten Studientag

1973 wurde Alex an der landwirtschaftlichen Fakultät des Technion in Haifa aufgenommen. Wenige Wochen nach Studienbeginn brach der Jom-Kippur-Krieg aus. Er kam an die syrische Front, dort wo die Kämpfe am längsten dauerten. Erst ein halbes Jahr später konnte er sein Studium fortsetzen.

Im Krieg war er Sanitäter, als einziger im israelischen Militär mit einem eigenen Panzer. Ein alter Sherman, vom Turm befreit. Auf den Rumpf war ein Stahlkasten geschweißt, in dem zwei Feldbetten Platz fanden. Während draußen weiter geschossen wurde, versorgte er drinnen Verletzte.

Alex auf einem syrischen Pferd auf den Golanhöhen, 1973
14. Oktober 1973, Golanhöhen bei Damaskus. Gefechtspause. Foto: Axel Springer Jr.
Der umgebaute Sherman-Sanitätspanzer
Sein Sherman. Statt Geschützturm ein Stahlkasten, innen zwei Feldbetten.
1978

Diplom und Zürich

1978 schloss Alex sein Studium als Diplom-Ingenieur für Wasser- und Agrarwissenschaften ab. Er ging für ein dreimonatiges Praktikum an die ETH Zürich. Während des Aufenthalts in der Schweiz machte er einen Ausflug ins Elsass und sah zum ersten Mal Deutschland, die Heimat seiner späteren Frau.

1979

Ute, Wasser, Libanon, Daniel

1979 lernte Alex Ute Reinsch kennen. In den Jahren bis 1985 war er Leiter des Wasserbauamtes Akko.

1982 wurde er erneut einberufen, diesmal in den Libanonkrieg. 1983 heirateten Alex und Ute auf Zypern. Am 22. April 1984 wurde Daniel in Naharia geboren.

1985

Nach Deutschland

Im August 1985 wanderte Alex mit Ute und Daniel nach Deutschland aus. Sie ließen sich in Paderborn nieder. Sein Diplom galt hier nichts. Im November begann er eine Ausbildung zum EDV-Systemberater für Wirtschaft und Technik. Seit dem Frühjahr 1987 arbeitete er in der EDV-Branche.

Am 22. November 1990 wurde David in Paderborn geboren.

2004

Eine zweite Familie

2001 trennten sich Alex und Ute. 2004 heiratete er Wei Wang. In den nächsten Jahren kamen drei Kinder: Eli am 11. Dezember 2004, Lily am 10. Juli 2006, Aviva am 27. April 2010.

Seit dem 1. November 2015 lebten Alex und Wei getrennt. Am 26. September 2020 wurde Rachel auf den Philippinen geboren, sein sechstes Kind.

Alex mit fünf seiner Kinder in der Gemeinde
3. Oktober 2016, in der Gemeinde. Hinten links Daniel, hinten rechts David. Vorne links Eli, vorne rechts Lily. Papa in der Mitte mit Aviva auf dem Schoß.
Gemeinde

Vorbeter und Vorsitzender

Sobald Alex sich in Paderborn eingelebt hatte, nahm er Kontakt zur Jüdischen Kultusgemeinde auf. Seit 1985 war er offizielles Mitglied. Anfang der neunziger Jahre, nach dem Tod des Kantors, übernahm er auch dessen Aufgaben und wurde Vorbeter.

Im November 2000 wurde er zum 1. Vorsitzenden gewählt. Seine erste Amtszeit ging bis 2004. Von 2015 bis 2022 hatte er das Amt erneut inne. Er sorgte dafür, dass die Gemeinde mit Leben erfüllt war.

Über die Jahre sprach er mit Besuchergruppen, zeigte ihnen die Synagoge und die Thora, die in der Pogromnacht 1938 gebrannt hatte. Zum 80. Jahrestag der Pogromnacht erstellte er die Webseite 80jahrepogrom.jgpb.de.

Alex mit der entweihten Thorarolle
Die Thora aus der Pogromnacht. Sie wird seit dem Brand nicht mehr zum Beten benutzt.
„Der Kern des Judentums ist die Liebe. Das Wort Liebe wird an die Kinder am Tisch zu Hause weitergegeben." Lokalzeit OWL, 2019
Tischtennis

Grün Weiß Paderborn

Tischtennis spielte Alex schon zu seiner Studienzeit in Israel. Seit er in Paderborn lebte, war er Mitglied bei Grün Weiß Paderborn. Über die Jahre gewann er viele Pokale.

Alex beim Tischtennis, 2016
Beim Spiel, Oktober 2016.
2018

Esterkas Memoiren

Alex gab das Buch seiner Tante Esterka Margolis heraus. Esterka, die Schwester seiner Mutter, hatte ihre Erinnerungen an die Schoah vierzig Jahre nach Kriegsende aufgeschrieben. Alex und ein Freund aus der Akademie veröffentlichten den Band. Erstauflage 2018.

Letzte Jahre

Asien

In seinen letzten Jahren pendelte Alex zwischen Deutschland und Südostasien. Er genoss das Leben in Asien.

Auf den Philippinen lernte er seine letzte Freundin kennen, Rachels Mutter. Er wollte dort den Rest seines Lebens verbringen. Dann kam Corona, er konnte nicht mehr ausfliegen. Danach kamen die gesundheitlichen Probleme.

Seine Tochter Rachel hat er nie persönlich kennengelernt.

2026

Vierter Mai

Am 4. Mai 2026 ist Alexander Kogan im Alter von 74 Jahren gestorben.

7. Mai

Beerdigung

Die Beerdigung fand am 7. Mai 2026 in Paderborn statt.

In der Kapelle hat der Rabbiner die Gebete gesungen. Dann haben Daniel, Eli, Lily und ich etwas über unseren Vater gesagt. Der Sarg wurde zum Grab getragen. Auf dem Weg wurde er dreimal abgesetzt. Am Grab haben Daniel, Eli und ich mit Hilfe des Rabbiners das Kaddisch gesagt.

Lokalzeit OWL, 2019

Sechzig Jahre neue Synagoge Paderborn. Alex im Gespräch.

Sechs Kinder

Letztes Wort

„Kinder."

Das war das Letzte, was er zu mir und Daniel gesagt hat. Er wollte nie allein sein. Wir Kinder waren das, was er am meisten geliebt hat.